Liedteksten 2022


Die stille Stadt

Richard Dehmel


Liegt eine Stadt im Tale,

ein blasser Tag vergeht.

es wird nicht lange dauern mehr,

bis weder Mond noch Sterne

nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken

nebel auf die Stadt,

es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,

kein Laut aus ihrem Rauch heraus,

kaum Türme noch und Brücken.

Doch als dem Wandrer graute,

da ging ein Lichtlein auf im Grund

und durch den Rauch und Nebel

begann ein leiser Lobgesang

aus Kindermund.

 

In meines Vaters Garten

Otto Erich Hartleben


In meines Vaters Garten -

blühe mein Herz, blüh auf -

in meines Vaters Garten

stand ein schattender Apfelbaum -

Süsser Traum -

stand ein schattender Apfelbaum.

Drei blonde Königstöchter -

blühe mein Herz, blüh auf -

drei wunderschöne Mädchen

schliefen unter dem Apfelbaum -

Süsser Traum -

schliefen unter dem Apfelbaum.

Die allerjüngste Feine -

blühe mein Herz, blüh auf -

die allerjüngste Feine

blinzelte und erwachte kaum -

Süsser Traum -

blinzelte und erwachte kaum.

Die zweite fuhr sich übers Haar -

blühe mein Herz, blüh auf -

sah den roten Morgentraum -

Süsser Traum -

Sie sprach: Hört ihr die Trommel nicht -

blühe mein Herz, blüh auf -

Süsser Traum -

hell durch den dämmernden Traum?

Mein Liebster zieht in den Kampf -

blühe mein Herz, blüh auf -

mein Liebster zieht in den Kampf hinaus,

küsst mir als Sieger des Kleides Saum -

Süsser Traum -

küsst mir des Kleides Saum!

Die dritte sprach und sprach so leis -

blühe mein Herz, blüh auf -

die dritte sprach und sprach so leis:

Ich küsse dem Liebsten des Kleides Saum -

Süsser Traum -

ich küsse dem Liebsten des Kleides Saum. -

In meines Vaters Garten -

blühe mein Herz, blüh auf -

in meines Vaters Garten

steht ein sonniger Apfelbaum -

Süsser Traum -

steht ein sonniger Apfelbaum!

 

Laue Sommernacht

Otto Julius Bierbaum


Laue Sommernacht: am Himmel

Stand kein Stern, im weiten Walde

Suchten wir uns tief im Dunkel,

Und wir fanden uns.

Fanden uns im weiten Walde

In der Nacht, der sternenlosen,

Hielten staunend uns im Arme

In der dunklen Nacht.

War nicht unser ganzes Leben

So ein Tappen, so ein Suchen?

Da: In seine Finsternisse

Liebe, fiel Dein Licht.

 

Bei dir ist es traut

Rainer Maria Rilke


Bei dir ist es traut:

Zage Uhren schlagen

wie aus weiten Tagen.

Komm mir ein Liebes sagen -

aber nur nicht laut.

Ein Tor geht irgendwo

draussen im Blütentreiben.

Der Abend horcht an den Scheiben.

Lass uns leise bleiben:

Keiner weiss uns so.

 

Ich wandle unter Blumen

Heinrich Heine


Ich wandle unter Blumen

Und blühe selber mit;

Ich wandle wie im Traume

Und schwanke bei jedem Schritt.

O, halt mich fest, Geliebte!

Vor Liebestrunkenheit

Fall' ich dir sonst zu Füßen,

Und der Garten ist voller Leut’.

 

 

Ekstase

Otto Julius Bierbaum


Gott, in deine Himmel sind mir aufgetan,

und deine Wunder liegen vor mir da

Wie Maienwiesen, drauf die Sonne scheint.

 

Du bist die Sonne, Gott, ich bin bei dir,

Ich seh mich selber in den Himmel gehn.

Es braust das Licht in mir wie ein Choral.

 

Da breit' ich Wandrer meine Arme aus

und in das Licht verweh ich wie die Nacht,

die in die Morgenrötenblust vergeht.

 

Hymne

Friedrich von Hardenberg, as Novalis


Das Geheimniß der Liebe,

Fühlen Unersättlichkeit

Und ewigen Durst.

Des Abendmahls

Göttliche Bedeutung

Ist den irdischen Sinnen Räthsel;

Aber wer jemals

Von heißen, geliebten Lippen

Athem des Lebens sog,

Wem heilige Glut

In zitternde Wellen das Herz schmolz,

Wem das Auge aufging,

Daß er des Himmels

Unergründliche Tiefe maß,

Wird essen von seinem Leibe

Und trinken von seinem Blute

Ewiglich.

Wer hat des irdischen Leibes

Hohen Sinn errathen?

Wer kann sagen,

Daß er das Blut versteht?

Einst ist alles Leib,

Ein Leib,

In himmlischem Blute

Schwimmt das selige Paar.

 

O! daß das Weltmeer

Schon erröthete,

Und in duftiges Fleisch

Aufquölle der Fels!

Nie endet das süße Mahl,

Nie sättigt die Liebe sich.

Nicht innig, nicht eigen genug

Kann sie haben den Geliebten.

Von immer zärteren Lippen

Verwandelt wird das Genossene

Inniglicher und näher.

Heißere Wollust

Durchbebt die Seele,

Durstiger und hungriger

Wird das Herz:

Und so währet der Liebe Genuß

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Hätten die Nüchternen

Einmal nur gekostet,

Alles verließen sie,

Und setzten sich zu uns

An den Tisch der Sehnsucht,

Der nie leer wird.

Sie erkennten der Liebe

Unendliche Fülle,

Und priesen die Nahrung

Von Leib und Blut.


The silent town

English Translation © Richard Stokes


A town lies in the valley,

a pale day is fading;

it will not be long

before neither moon nor stars

but night alone will deck the skies.

From every mountain

mists weigh on the town;

no roof, no courtyard, no house

no sound can penetrate the smoke,

scarcely towers and bridges even.

But as fear seized the traveller,

a gleam appeared in the valley;

and through the smoke and mist

came a faint song of praise

from a child's lips.

 

In my father's garden

English Translation © Richard Stokes


In my father’s garden –

blossom, O my heart, blossom –

In my father’s garden

grew a shady apple tree –

Sweet dream –

grew a shady apple tree.

Three blond princesses –

blossom, O my heart, blossom –

three wonderfully beautiful girls

slept beneath the apple tree –

Sweet dream –

slept beneath the apple tree.

The youngest of the three beauties –

blossom, O my heart, blossom –

the youngest of the three beauties

blinked and hardly awoke –

Sweet dream –

blinked and hardly awoke.

The second ran her hand through her hair –

blossom, O my heart, blossom –

Saw the red morning dream –

Sweet dream –

She said: ‘Don’t you hear the drums?

blossom, O my heart, blossom –

Sweet dream –

Brightly through the dawn?

My beloved is going to war

blossom, O my heart, blossom –

My beloved is going to war,

Kisses as victor the hem of my dress

Sweet dream –

Kisses the hem of my dress.

The third spoke, and spoke so quietly –

blossom, O my heart, blossom –

The third spoke and spoke so quietly:

I kiss the hem of my beloved’s coat –

Sweet dream –

I kiss the hem of my beloved’s coat.

In my father’s garden –

blossom, O my heart, blossom –

In my father’s garden

stands a sunny apple tree –

Sweet dream –

stands a sunny apple tree.

 

Mild summer night

English Translation © Richard Stokes


Mild summer night: in the sky

Not a star, in the deep forest

We sought each other in the dark

And found one another.

Found one another in the deep wood

In the night, the starless night,

And amazed, we embraced

In the dark night.

Our entire life – was it not

Such a tentative quest?

There: into its darkness,

O Love, fell your light.

 

I feel warm and close with you

English Translation © Richard Stokes


I feel warm and close with you:

clocks strike hesitantly,

like they did in distant days.

Say something loving to me -

but not aloud.

A gate opens somewhere

out in the burgeoning.

Evening listens at the window-panes.

Let us stay quiet,

no one knows us thus.

 

I wander among flowers

English Translation © Richard Stokes


I wander among flowers

And blossom with them;

I wander as in a dream

And sway with every step.

O, hold me fast, beloved!

Or drunk with love

I’ll fall at your feet –

And the garden is full of folk.

 

 

Ecstasy 

English Translation © Michael P Rosewall


God, in your heaven I was formed

And your wonders, lying before me like

May meadows, on which the sun shines.

 

You are the sun, God, I am with you,

I see myself being drawn into the heavens.

Light reverberates within me like a hymn.

 

There I, a wanderer, spread my arms wide

And dissolve into the light, as nighttime vanishes into the rosy blaze of morning.

 

Hymne

English Translation © Linda Godry


The secret of love,

Feel unquenchable

Eternal thirst.

Holy communion's

Innermost sense

Remains a secret to us mere mortals;

But who ever

sucked in the breath of life

From hot, beloved lips,

Whom holy scorching waves

Tremblingly melted the heart,

Who with suddenly seeing eyes,

Divined heaven's

immeasurable depth,

Will eat from His body

Will drink from His blood

Forever.

Who has fathomed the essential meaning

of our earthly flesh?

Who can tell,

that he understands the blood?

Once all is flesh,

One flesh,

In heavenly blood

Floats the blessed couple.

 

O! That the ocean

would blush

And in fragrant skin

Would upwell the rock!

Never would end the sweet delecting,

Never be saturated the love;

Not close enough, not intimate enough

Can she have the beloved.

By ever more tender lips

The relished will grow

more and more to the heart.

Hotter lust

Trembles through the soul,

More thirsty and hungry

Becomes the heart:

And so persists love's indulgence/pleasure

From eternity to eternity.

If only once would the sober-minded

Have a taste,

They would gladly leave everything behind,

And sit and dine with us

From the table of longing

Which never empties.

They would recognize love's

Immeasurable fullness,

And praise the nourishment

Of flesh and blood.

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